Das Staatsoberhaupt beim Jubiläum

Höxter. Von der Abteikirche über den Kaisersaal im Schloss bis hinein in den
Johanneschor des karolingischen Westwerks: Es war eine Zeitreise, auf die sich die
knapp 300 Gäste zum Auftakt des Jubiläumsjahres 1.200 Jahre Corvey begaben. Allen
voran Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, für den es nach Mai 2015 der zweite
offizielle Besuch in hoher Funktion war: Er hatte als Bundesminister damals die
Urkunde zum Welterbetitel übergeben. Diesmal schaute sich das jetzige
Staatsoberhaupt den Johanneschor und die neue Technik, die die Besucher die
Zeitreise mittels Tablet und der sogenannten Augmented Reality ab etwa Jahresende
erleben werden, vorab schon einmal mit Christoph Stiegemann, Annika Pröbe und
dem Team des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD Darmstadt
an, die diese App dort entwickelt haben.
Zuvor hatten in der ehemaligen Abteikirche, dem Nachfolgebau der Corveyer Basilika,
ein Wortgottesdienst mit Weihbischof Dominicus Meier und im Kaisersaal der Festakt
Die Begrüßung des Bundespräsidenten vor dem Schloss von politischen und gesellschaftlichen Funktionsträgern und Gastgebern.
stattgefunden. „Wo sollte ein Bundespräsident am heutigen Tag sein, wenn nicht
hier“, fragte Steinmeier dabei in die Runde der Gästeschar. Denn auf den Tag genau
am 25. September hatten die Mönche damals vor 1.200 Jahren Corvey zum Leben
erweckt. Der Bundespräsident sprach von 1.200 Jahren deutscher und europäischer
Geschichte „mit all ihren Höhen und Tiefen“, vom „Höhepunkt klösterlicher Kultur in
Nordwesteuropa im 9. und 10. Jahrhundert“.
Steinmeier erinnerte an die Karolinger und an den Bibliothekar und Texter der
deutschen Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben, der dort wirkte und begraben
ist. „Wenn wir uns an Corvey wegen seiner Geschichte, seiner Architektur und wegen
der Menschen, die hier wirkten, erinnern, dann ist diese Erinnerung heute längst
keine rein deutsche Angelegenheit mehr“, kam er auf den Welterbetitel 2014 zu
sprechen. Er nannte Corvey einen „monumentalen Ort deutscher Geschichte“. Einen
Ort, dem er verbunden bleibe, nicht etwa allein wegen seiner Herkunft – er ist nur
wenige Kilometer entfernt aufgewachsen. Sondern wegen der Faszination dieses
Denkmals der Kirchen- und Kulturgeschichte, die ihn sei der Jugend begleite. Corvey
sei „eine Brücke in die Vergangenheit“, ein Ort der Kraft für die Herausforderungen
des Alltags gerade in Zeiten von Krieg, Kostensteigerungen, Klimawandel und
Vereinzelung in der Gesellschaft – eine „geistige und kulturelle Kraftquelle“: „Deshalb
bewahren und pflegen wir diesen Ort – und das erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das unsere Gesellschaft heute so dringend braucht“,
betonte Steinmeier unter Beifall der Zuhörer.
Die hatten anschließend Gelegenheit, bei einer Gesprächsrunde mit Moderatorin
Jutta Maria Loke die verschiedenen Perspektiven zu Corvey heute kennenzulernen:
als Zuhause für die Familie mit der Verantwortung und Aufgabe, es zu erhalten und
zu beleben (Alexandra Herzogin von Ratibor). Als Ort des Vertrauens in die
Weitergabe von Lebenskultur in den Umbrüchen der Zeit (Dominicus Meier). Als
„Herzstück der Klosterregion“ und „Mahnmal für ein friedliches Miteinander“ (Landrat
Michael Stickeln). Als Ort der Emotionen und Faszinationen (Bürgermeister Daniel
Hartmann). Und als „Kontinuum der Christlichkeit“, beseelt von „Glaubensspezialisten
und Überzeugungstätern“ vor 1.200 Jahren, deren Begeisterung heute modern und
zeitgemäß an die jungen Leute weitergegeben werden müsse (Josef Kowalski vom
Kirchenvorstand).
Pater Elmar Salmann ordnete Corvey unter den Aspekte Mönchtum, Mission,
politische Wirren und „ein klein bisschen Theologie“ in seinem Festvortrag ein. Als
„zutiefst human“ im Grundgedanken. Und NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach
formulierte das Jubiläumsmotto „Wo Himmel und Erde sich berühren“ um als
geistlichen und weltlichen Berührungsort. Sie sprach auch von Corvey als einer

„wunderbaren Anlage“ mit Geschichte und Geschichten, die mit der
Landesgartenschau 2023 ihr nächstes Kapitel bekomme. Und sie machte den Auftrag
für ein Weltkulturerbe deutlich: „Das Erbe dieser Welt – den heutigen Menschen
anvertraut.“ Da dürften die Ostwestfalen ruhig den Rheinländern „völlig
unbescheiden“ nacheifern und von der „Himmelsstadt“ reden, sagte sie unter
Applaus im Kaisersaal.

 

Neue Westfälische

Text: Simone Flörke